Über Abschied, Liebe und das, was bleibt
Leise hoppelt sie die Treppe hoch und schleicht sich mit diesem leicht hinkenden Getappse, das ich überall erkennen würde, ins Schlafzimmer.
Zurück von ihrem nächtlichen Rundgang schmeißt sie sich zuerst auf den Rücken, um den Rattankorb mit den Vorderkrallen zu bearbeiten, bevor sie mir guten Morgen sagt. Ein leises Maunzen, ähnlich wie das Gurren einer Taube.
Im Halbschlaf hebe ich die Bettdecke leicht an, damit sie sich an meinen Bauch schmiegen kann und wir ein paar Minuten „We-Time“ genießen, bis der Wecker unsere gemeinsame Kuschelei jäh beendet.
Eine Glückskatze
Du kennst das vielleicht. Es gibt diese Tiere, zu denen man eine besondere Bindung aufbaut, wie ein unsichtbares Band. Fany war so eine Katze. Sie war meine Seelengefährtin. Dabei sah es anfangs gar nicht danach aus.
Ich hatte mir eine einjährige Katzen-Auszeit „gegönnt“, nachdem unsere letzte verstorben war. Ich dachte, ich muss mal ohne Mietzen klar kommen, Eigenfürsorge lernen, mich mal nicht um Tiere kümmern. Seit meiner Kindheit war ich es gewohnt, irgendwelche Fellnasen um mich zu haben. Schließlich hielt ich es irgendwann nicht mehr aus und habe die Zeitungsannoncen durchforstet, auf der Suche nach einer Glückskatze. Ich war damals total auf Katzen-Entzug und eine Glückskatze hatte ich mir schon immer gewünscht.
Als wir uns an einem Samstag Vormittag aufmachten, „unsere Katzen“ abzuholen, waren die Glückskatzen bereits aus. Wir wollten auf alle Fälle zwei neue Mitbewohner haben und mein Mann hatte sich in einen Tiger verguckt. Ich war enttäuscht und wollte es bei einer belassen, da streckte sie ihren kleinen Kopf mit den viel zu großen Ohren hinter der Couch hervor. „Habt ihr mich vergessen?“, schien Ihr Blick zu fragen und irgendwie hatte man das Gefühl, dass sie noch gar nicht ganz auf dieser Welt angekommen war. Schockverliebt und gerührt zugleich, war die Entscheidung gefallen.
Unsere Glückskatze war also schwarz mit weißem Gesicht und vier weißen Pfoten. Und Glück im Unglück hatte sie wirklich.
Fixe Vorstellungen und eine Katze, die einfach alles wuppt
Wenn ich an diesem schönen Montag Morgen im August nicht zu Hause gewesen wäre und sie rechtzeitig gefunden hätte, wäre Fany mit 5 Jahren bereits im Katzenhimmel gelandet.
Während einem ihrer nächtlichen Streifzüge hatte sie ihre Unfallversicherung auf die Probe gestellt und sich ein Duell mit einem Auto geleistet. Diagnose: offener Trümmerbruch am linken Hinterlauf.
Manchmal denke ich, für mich war es der größere Schock, als für Fany. Während die Chirurgin nicht viel Hoffnung hatte, dass das Bein erhalten werden könnte, bestand ich darauf: „Das Bein bleibt !“ Was sollte eine Freigängerin mit drei Beinen? Ich malte mir aus, was alles nicht mehr möglich sein würde. Mäuse jagen, Rangeleien mit ihrer Artgenossin, den Kirschbaum hockklettern. Überhaupt war Fany gerne überall, wo oben war, wie z.B. auf dem Küchenbuffet, oder dem Vordach am Hauseingang. Für mich erschien das Leben einer Katze mit drei Beinen nicht lebenswert. Aber Fany hatte da ganz andere Pläne.
Das Bein musste nach zwei Wochen Klinikaufenthalt, während dem ich sie jeden Tag besuchte, wie zu erwarten, amputiert werden. Die Chirurgin machte mich vor der OP darauf aufmerksam, dass Fany das verletzte Bein bereits nicht mehr benutzte und wunderbar auf dreien unterwegs war. Fany hatte sich schon längst mit der neuen Situation arrangiert, während ich noch am Hadern war. Und letztendlich hätte ich ihr jede Menge Schmerzen und Stress ersparen können, wenn ich flexibler gewesen wäre und meine fixen Vorstellungen beiseite gelegt hätte. Ganz davon abgesehen, dass der Klinikaufenthalt und die OP schlappe 4000 Euro gekostet haben.
Wir haben sie später immer liebevoll unsere vergoldete Katze genannt.
Das zweite Leben
Fany hatte Spaß, auch auf drei Beinen. Während sie vor dem Unfall eher zurückhaltend, manchmal sogar fast unsichtbar war, blühte sie danach richtig auf. Sie ging mausen und fetzte sich mit ihrer Katzen-Kollegin. Gefallen ließ sie sich nix und mein Herz wurde groß und weit. Ich war mächtig stolz auf meine kleine Meutz.
Was ich bei all meinen Überlegungen natürlich nicht bedacht hatte, war, dass sie sich auf der linken Seite nicht mehr kratzen konnte. Also übernahm ich das für sie. Dadurch wurde sie zutraulich und hat meine Nähe buchstäblich gesucht.
Wenn ich im Sommer die Yogamatte im Garten auspackte, war sie schnurstracks zur Stelle, ihre Katzenspürnase wusste immer Bescheid. Sie liebte es, mit mir auf der Yogamatte zu liegen und ins Land zu schauen. Meine kleine Yogakatze kletterte weiterhin auf Dächer, aber neu war, dass sie von dort aus in meine Arme sprang.
Irgendwann konnte ich mir Fany mit vier Beinen gar nicht mehr vorstellen und ich war versöhnt mit dem Unfall.
Eiskalt erwischt
Du denkst, alles ist gut und du freust dich auf das Frühjahr im Garten mit den Katzen. Dann eröffnet dir der Tierarzt, dass deine Katze Zungenkrebs hat und du bist erstmal total ausgeknockt. Wenn diese Katze sechs Jahre zuvor eine Beinamputation wegstecken musste, von der sie sich erstaunlich gut erholt hat, denkst du dir: „Ein Tritt in die Weichteile hätte gereicht!“
Zungenkrebs bei Katzen ist relativ selten, dafür aber äußerst aggressiv und schnell wachsend. Es gibt eigentlich keine Therapie, Fany hatte vermutlich starke Schmerzen und wäre verhungert, obwohl sie ansonsten topfit war.
Der Tierarzt musste sie zur Untersuchung sedieren und teilte mir die Diagnose telefonisch mit. Er machte mir den Vorschlag, sie sofort einzuschläfern, da sie ja sowieso gerade „schläft“.
Er meinte es gut, aber dass ich nicht zugestimmt habe, erübrigt sich, zu erwähnen.
Nix auslassen
Wir hatten beschlossen, von Tag zu Tag zu entscheiden. So lange sie fraß, bekam sie Verlängerung. Zeitgleich haben wir das Grab im Garten vorbereitet, da der Boden gefroren war.
Und Fany? Hat gefressen. Ganze drei Wochen lang. Sie bekam Schmerzmittel, aber ihr Zustand verschlechterte sich. Eine Katze, die ihre Zunge nicht benutzen kann, ist erheblich eingeschränkt, angefangen bei der täglichen Hygiene.
Zwei Tage, bevor wir sie einschläfern ließen, ging sie nochmal auf große Jagd. Sie verdrückte zwei Mäuse, als ob sie sagen wollte: „Mit mir muss man immer rechnen!“
Für mich sah es aus wie ihre Henkersmahlzeit.
Hoffnung und Hokuspokus
Ich wusste, dass Heilung ziemlich aussichtslos war. Dennoch habe ich diese Realität komplett ausgeblendet.
Ich war überzeugt davon, dass ich sie retten kann. Und was ich alles unternommen habe! Durch meine langjährige Helfer Biographie hatte ich so einiges auf Lager, den Rest erledigte meine Fantasie. Ich betete und ich habe gesungen. Ich habe Geister beschworen, Feuer entzündet und getanzt.
Am Ende war mein kleines Katzi nur noch Fell und Knochen und mir blieb nichts weiter, als sie zu erlösen.
Du musst sie loslassen
Der selbe Tierarzt, der sie gleich einschläfern wollte, ermöglichte uns, dass wir uns zu Hause von ihr verabschieden konnten.
Zuerst funktioniert man und möchte das Beste für seine langjährige Gefährtin. Ich habe mich zusammengerissen und versucht, möglichst ruhig zu bleiben, der letzte Dienst, den ich ihr erweisen wollte.
Die Zeit danach ist voller Trauer und Erinnerungen. Ich spüre sie noch und die vielen kleinen Alltagsrituale fehlen mir unendlich. Von Diagnose bis Einschläfern sind nur drei Wochen vergangen. Mein Nervensystem hat noch nicht verstanden, dass sie mir am Morgen keine Kuscheleinheiten mehr schenkt und sie mir im Garten keine Gesellschaft mehr leistet.
Dass wir sie im Garten begraben haben, ist Trauer und Trost zugleich. Die ersten Tage konnte ich nicht in den Garten gehen, so groß war mein Schmerz über ihren Verlust. Manchmal spielt mir meine Wahrnehmung einen Streich und ich „sehe“ sie aus den Augenwinkeln.
Best friends forever
Fany war meine kleine dreibeinige Katze, die auf Bäume kletterte, mit mir auf der Yogamatte lag und in meine Arme flog.
So möchte ich sie in Erinnerung behalten – mutig, eigensinnig und voller Leben.